Du musst nicht immer stark sein, nur damit andere sich besser fühlen

Heute arbeite ich an einem Fachartikel, in dem ich das Thema der toxischen Positivität behandle. Darunter verstehe ich all die Aufforderungen, persönliche Überlastung und drängende Fragen beiseite zu schieben und stattdessen munter weiterzumachen. Ebenso zwanghaft heitere Sprüche wie „Deine Niederlagen von heute sind die Siege von morgen“, „Dein Glas ist doch halb voll!“ oder „Denk einfach mal positiv“. Sie ermutigen nicht, sondern vermitteln nur den Eindruck, als wären wir privat gescheitert, wenn wir nicht ständig motiviert und optimistisch sind. Wer aus Angst vor der Abwehr der anderen die eigene Wut, Müdigkeit oder Kritik an strukturellen Schwächen in der Seniorenbetreuung für sich behält, verstärkt die innere Belastung und verhindert eine Veränderung. Nicht, weil wir selbst nicht wollen, sondern weil unser Umfeld uns anpackend und „konstruktiv“ erleben möchte. Dabei kann im resignierten Weitermachen kein Wandel entstehen. Und, ja, Wandel wiederum braucht oft zuerst Wut, Mut und Chaos, um das Bestehende zu entmachten und Raum für neue Möglichkeiten zu schaffen.
Wenn unser Arbeitsplatz oder die Familie uns dazu anhält, durchzuhalten und dabei bitte stets zu lächeln, hat das nichts mit freundlicher Ermutigung zu tun. Nur damit, dass die bisherige Routine bestehen bleibt, wenn wir nicht plötzlich „Ärger machen“ und aus dem üblichen Rahmen ausbrechen. Und daran haben vorrangig die anderen ein Interesse, denn unser Frust könnte das System um uns ins Wackeln bringen.
Toxische Positivität führt dazu, dass wir unseren inneren Störgefühlen nicht glauben und meinen, die oberflächlichen Beruhigungen der anderen müssten sich hilfreich anfühlen. Noch dazu entsteht der Eindruck des Versagens, weil alle anderen ihr Leben scheinbar im Griff haben und nur wir schwach sind oder unsere Emotionen nicht im Griff haben. So verstärkt sich die Distanz zwischen dem, was wir erleben, und dem, wie die anderen sagen, wie wir sein und handeln sollen.
Bereits der Psychiater Carl Gustav Jung sagte vor gut 100 Jahren: „Was man ablehnt, bleibt nicht nur bestehen, sondern wird immer größer.“

 

Einen schönen Impuls dazu entdeckte ich gerade hier:

https://www.teva.de/lebensperspektiven/pflege/wie-das-zulassen-negativer-emotionen-uns-als-pflegepersonen-helfen-kann.html

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